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19. Juli 2017 – 13:00 |

In der FertighausWelt Wuppertal des Bundesverbands Deutscher Fertigbau (BDF) präsentieren die führenden deutschen Hersteller von Holz-Fertighäusern, darunter allkauf und OKAL, fortschrittliche Lösungen zum Erzeugen und Bereitstellen von regenerativer Solarenergie innerhalb eines intelligenten Quartiers. Ein begleitendes und durch das Bundesbauministerium (BMUB) gefördertes Forschungsprojekt von BDF und Fraunhofer-Institut für Bauphysik (IBP) bietet jetzt erste spannende Erkenntnisse.

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Bauen in Zukunft: Staatssekretär Bomba und DFH-Chef Sapper tauschen sich aus

Gepostet von am 3. Juni 2013 – 15:50Kein Kommentar |

Die Zukunft gehört nachhaltig gebauten, bezahlbaren Häusern, die ihre Energie selbst produzieren – und den Überschuss gemeinsam mit anderen im Quartier intelligent managen. Zu diesem Ergebnis kommen Bau-Staatssekretär Rainer Bomba und Thomas Sapper, Vorstandsvorsitzender der DFH Deutsche Fertighaus Holding AG, im gemeinsamen Interview mit dem Redakteur Peter Neumann über Chancen und Herausforderungen beim Hausbau der Zukunft. Zukunft Fertighaus dokumentiert den Austausch der beiden Bauexperten.

 

Herr Bomba, Sie haben sich als Staatssekretär mit Ihrem Leitprojekt „Mein Haus – mein Kraftwerk, meine Tankstelle“ die Messlatte so hoch gelegt wie keiner Ihrer Vorgänger. Wie weit sind Sie?

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Bau-Staatssekretär Rainer Bomba (r.) und DFH-Vorstandschef Thomas Sapper trafen sich zum gemeinsamen Austausch. Foto: Karlheinz Schindler

Rainer Bomba: Es ist bewiesen, dass es geht. Ein modernes Einfamilienhaus kann heute tatsächlich so viel Energie produzieren, dass sich mit den Überschüssen Elektroautos das ganze Jahr über „betanken“ lassen. Das „Effizienzhaus Plus“ ist als neuer Baustandard definiert. Unser Ministerium hat als Ergebnis eines Wettbewerbs selbst ein „EffizienzPlus“-Forschungshaus in Berlin errichtet. Es wird von einer Familie zwei Jahre lang wissenschaftlich begleiteten probegewohnt. Dass sie zusätzlich alle acht Wochen einen neuen Elektro-Pkw zum Ausprobieren bekommt, ist mehr als ein angenehmer Nebeneffekt. Das ganze Projekt hat hierzulande, aber auch international für Aufsehen gesorgt. Wir haben Anfragen aus buchstäblich aller Welt, von Skandinavien bis Afrika und Fernost. Wie wir künftig komfortabel Wohnen und zugleich unsere Mobilitätsund unsere Energieprobleme auf innovative Art lösen können – meines Wissens hat derzeit keiner eine bessere Idee, ein stärkeres Konzept als wir Deutschen. Da bin ich schon stolz darauf.Inzwischen haben wir ein ganzes Forschungs-Netzwerk „Effizienzhaus Plus“ installiert. Mit Fördermitteln unterstützt haben dessen Mitglieder 35 Plusenergiehäuser gebaut. Sie werden vom Fraunhofer-Institut in einem Monitoring permanent überprüft.

 

So rundum zufrieden wirken Sie trotzdem nicht. 

Rainer Bomba: Für meinen Geschmack wird zu oft zu kurz gedacht. Bisher standen die Gebäudehülle, die Außenwanddämmung zu dominant im Fokus. Das reicht natürlich für einen Durchbruch zu neuen Dimensionen nicht.

Thomas Sapper: Mit den derzeit verfügbaren technischen Möglichkeiten ganz bestimmt nicht. Die Potenziale der klassichen Dämmung sind ausgeschöpft.

 

Die ab 2014 geltende neue Fassung der Energieeinsparverordnung ist noch von der alten Denkart: Sie schreibt für Neubauten weiter abgesenkte Energieverbräuche und verschärfte Dämmung vor. 

Rainer Bomba: Dass das „Effizienzhaus Plus“ den kommenden Baustandard beschreibt, ist für mich gesetzt. Da wir damit aber erst in den Anfängen sind, erstmal nur die kleinen Schritte. So sind für 2014 und 2016 jeweils eine Reduzierung des zulässigen Jahres-Primärenergiebedarfs bei Neubauten um jeweils 12,5 Prozent vorgesehen. Der Wärmedurchgangskoeffizient der Gebäudehülle ist um durchschnittlich 10 Prozent zu reduzieren.

Thomas Sapper: Auf drei Jahre gerechnet also eine Absenkung für Neubauten um 25 Prozent. Für Fertighäuser keine Herausforderung. „Effizienzhaus 55“ ist für unsere Bauherren jetzt schon Vertragsstandard. Anders gesagt: 45 Prozent besser als die derzeitige EnEV, und das im Festpreis inklusive.

 

Plusenergiehaus-Niveau ist aber sehr wohl eine Herausforderung. Wie sich zeigt, müssen das auch die führenden Fertighausanbieter erstmal beweisen. 

Thomas Sapper: Glauben Sie mir, moderne Fertighäuser auf Plusenergiestand hochzurüsten, ist heute kein großes Ding mehr. Bei dem exzellenten Dämm- und Dichtheitsniveau unserer Gebäudehüllen reduziert sich das auf die Frage nach der Dimensionierung der Zusatztechnik wie Solarmodule und Energiespeicher.

Rainer Bomba: Ich mag das Wort „alternativlos“ nicht, weil es jedes weitere Nachdenken diktatorisch ausschließt. Hier träfe es zu. Die Gebäude der neuen Generation müssen ihre Energieüberschüsse selbst erwirtschaften. Mit welchen technischen Mitteln sie das tun können, ist eine ganz andere Frage. Wir dürfen hier ja nicht nur an Einfamilienhäuser und Neubauten denken, sondern auch an die 18,5 Millionen Wohngebäude im Bestand. Energiewende kann nicht bedeuten, dass ein älteres Hausbesitzerpaar einen Kredit aufnehmen muss, um einmal im Jahr seine Heiztanks füllen zu können. Das will ich unbedingt verhindern. Bei allem Modernisierungswillen: Es ist keine wirkliche Lösung, Althäuser mit 25 Zentimeter Styropor zu ummanteln.

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Thomas Sapper kritisiert die bisherige Dämmpraxis bei Bestandsgebäuden. Foto: Karlheinz Schindler

Thomas Sapper: Styropor hat sich aus Kostengründen als Königsweg einer schnellen und billigen nachträglichen Außendämmung alter Massivhäuser etablieren können. Schimmelprobleme innen und Algenbewuchs außen sind deutliche Signale, dass es so nicht geht. Und der Aufwand von fünf Litern Rohöl für ein Kilogramm Styropor bleibt irre. Bei einem einzigen größeren Wohnblock kommen schnell einigen Hundert Kubikmeter zusammen. Genau genommen Sondermüll. Brandschutztechnisch hoch riskant.

Rainer Bomba: Ich war zwanzig Jahre bei der Freiwilligen Feuerwehr in meinem hessischen Heimatort, kenne das Thema also auch aus dieser Perspektive. Wir haben mit den Kollegen aus den Bundesländern sämtliche neueren Styropor-Brandfälle analysiert. Fakt ist: All diese Brände betrafen entweder Rohbauten oder nicht fachgerecht ausgeführte Dämmarbeiten. Das Dämmaterial lag offen, nicht geschützt hinter Mineralputz und auch nicht nach unten verkapselt. Styropor als Dämmkern eines fachgerecht ausgeführten Verbundsystems ist brandschutztechnisch keineswegs gefährlich. Es löst aber unsere energetischen Probleme nicht, da gebe ich Ihnen Recht.

Thomas Sapper: Es gibt derzeit leider auch so gut wie keine wirtschaftlichen Alternativen. Vakuum-Dämmpanele mögen im Labor funktionieren. Sie kosten aber 300 Euro je Quadratmeter. Und sind technisch sehr anfällig. Wenn schon eine Stecknadel das Ganze wirkungslos machen kann, kann ich sie nicht gebrauchen.

 

Ist die mehr oder weniger unter der Oberfläche schwelende Energiekrise der große Knüppel, der uns jetzt alle Ignoranz, Denkfaulheit und halbherzigen Pseudo-Lösungen radikal austreibt?

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Bau-Staatssekretär Rainer Bomba: Zum Zaudern und Zögern ist keine Zeit mehr. Foto: Karlheinz Schindler

Rainer Bomba: Zugespitzt formuliert, aber sachlich richtig. Unsere überkommenen Energiestrukturen haben sich verbraucht. Egal, ob fossil oder atomar befeuert. Das derzeit schöngeschriebene Fracking mag den Verfallsprozess ein wenig aufhalten – es bleibt Resteverwertung. Ob unsere Energie in großen Kohle- oder Atomkraftwerken oder Riesen-Windparks auf See produziert wird – es bleibt überholte zentralisierte Großproduktion mit all ihren teuren Folgeproblemen. Je länger ich mich damit beschäftige, wird mir als Ingenieur und Volkswirt die Idee immer sympathischer, die nötige Energie unmittelbar dort zu produzieren, wo sie gebraucht wird. Ein „Effizienzhaus Plus“, das alle technischen Möglichkeiten kombiniert – Solarstrom, Windenergie, Geothermie, innovative Speichersysteme, intelligentes Gebäudemanagement – erreicht schon den Faktor 2,5 bis 3. Es erzeugt also zweieinhalb bis dreimal soviel Energie, wie seine Bewohner brauchen. Da entstehen energetisch autarke Einheiten, lokale Energielieferanten, die sogar Nachbargebäude mit nicht so guter Energieklasse mitversorgen könnten. Wenn das aber geht – wozu brauchen wir dann die alten Monopol-Strukturen?

Thomas Sapper: Ihr Herangehen gefällt mir. Wir müssen den Mut aufbringen, die Fragen an das Produkt Haus neu zu stellen. Statt des sofort einschränkenden Satzes „Was ist heute technisch und wirtschaftlich maximal möglich?“ sollten wir fragen: „Was muss ein modernes Wohnhaus haben und leisten, um den Bedürfnissen seiner Bewohner künftig gerecht zu werden?“ Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass Bauherren andere Wert- und Qualitätsansprüche an ihr Haus entwickeln. Beispiel: Wie sympathisch sind seine Räume? Wie flexibel lassen sie sich für verschiedene familiäre Situationen nutzen? Wie nachhaltig wurden sie erbaut? Wobei wir nachhaltiges Bauen aus seiner ökologischen Begrenztheit herausholen müssen. Es geht sowohl um bezahlbares Wohnen, als auch um nachhaltige Ökonomie. Und um soziale Nachhaltigkeit. Da wissen wir noch sehr wenig. Nur, dass mehr dazugehört als Barrierefreiheit oder das Miteinander verschiedener Generationen. Natürlich beschäftigt mich als Vorstandsvorsitzender der DFH, wie viele und welche Häuser wir in diesem und in den nächsten fünf Jahren bauen werden. Für die neue Gebäudegeneration brauchen wir einen größeren Zeithorizont.

Rainer Bomba: Nehmen Sie 2050. Wofür weniger Visionen imaginärer Gebäuden einer fernen Zukunft gefragt sind, als ein unverzüglich anzugehender realistischer Arbeitsplan. Zum Zaudern und Zögern ist keine Zeit mehr. Die Uhr läuft.

 

Was haben Sie aktuell auf der Werkbank, was steht an?

Rainer Bomba: Neben dem Monitoring der 35 neuen „EffizienzhausPlus“-Gebäude, ein Forschungsprojekt in Neu-Ulm zur Modernisierung von 2 mal 18 Wohneinheiten aus dem Bestand auf „EffizienzhausPlus“-Niveau. In Frankfurt und Bad Vilbel geht es um „EffizienzhausPlus“-Forschungsbauten mit bis zu 70 Wohneinheiten. Der nächste große Schritt ist, das neue energetische Niveau in nachhaltiger Bauweise zu erreichen.

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Die Zukunft gehört nachhaltig gebauten, bezahlbaren Häusern, die ihre Energie selbst produzieren – darüber waren sich Rainer Bomba (l.), Staatssekretär im Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, sowie DFH-Vorstandschef Thomas Sapper (r.) einig. Foto: Karlheinz Schindler

Thomas Sapper: Wir haben in der DFH derzeit drei große Zukunftsprojekte: Erstens das nachhaltig gebaute Plusenergie-Einfamilienhaus, das wir bis zum Sommer dieses Jahres mit Professor Hegger von der TU Darmstadt entwickeln. Zweitens wollen wir gemeinsam mit der FH Aachen herausfinden, ob es tatsächlich lohnt, alte Wohngebäude energetisch zu modernisieren oder ob Abriss und anschließender Neubau die wirtschaftlichere und nachhaltigere Lösung ist. Drittens planen wir gemeinsam mit einigen Hunsrück-Gemeinden und ihrer von Windrädern gespeisten Finanzkraft neue Wohnquartiere als dezentrale Energieproduzenten in nachhaltig gebauten Häusern mit Wind- und Solarstrom, gemeinsamen Energiespeichern und Kleinstkraftwerken, intelligentem Gebäude- und Quartiermanagement.

 

Rechnet sich „EffizienzPlus“ denn auch für ein einzelnes Einfamilienhaus?

Rainer Bomba: Nach vorliegenden Erfahrungen entstehen derzeit Mehrkosten von bis zu von 15 Prozent des Neubaupreises, also etwa 30.000 bis 40.000 Euro. Strom und Heizung kosten die Hausbesitzerfamilie etwa 2.000 bis 3.000 Euro. Pro Jahr. Dazu kommen Tankkosten fürs Familiengefährt von mindestens 6.000 Euro. Der Mehraufwand hat sich also nach sieben, höchstens zehn Jahren rentiert.

 

Das Interview führte Peter Neumann für die Mai/Juni-Ausgabe des Magazins „mein schönes zuhause“. Es ist auch hier auf der Internetseite des Magazins zu finden.

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